13.08.2013 | 22:42 | wochenbett | 1 kommentar
Ich habe es endlich geschafft, einen Termin bei einem anderen Frauenarzt zu machen. Und ihn auch wahrzunehmen.
Er fragte nach dem Geburtsverlauf und ich bin nur bis ‚Kaiserschnitt nach 40h Wehen‘ gekommen. Da schüttelte er schon seufzend den Kopf und fing an, einen Monolog zu halten. Über das weibliche Becken, über den kindlichen Kopf. Über die Enge und die Mitarbeit des Kindes bei der Geburt. Über Einstellungsanomalien. Über hohe Geradstände. Da war ich schon in Tränen aufgelöst. Er wirkte nicht mal irritiert sondern reichte mir nur ein Taschentuch.
Dass von ‚Missverhältnis Kopf/Becken‘ gesprochen wird. Dass aber häufig Einstellungsanomalien für Geburtsstillstände verantwortlich sind. Dass die Frau hin- und her- und umgelagert wird, von der Decke gehängt und sonst noch was. Dass sich das Kind dennoch nicht eindreht. Dass die kindlichen Herztöne unter den Presswehen nachlassen und sich in den Wehenpausen leidlich erholen. Dass dann abgewägt werden muss, zwischen dem Wohl des Kindes, dem Wohl der Mutter und dem Wohl des Krankenhauses. Alles was er sagte zeugte von viel Erfahrung und eine gewisse Verbitterung war nicht zu überhören.
Da hatte ich doch noch überhaupt nichts gesagt. Davon, dass Baby A ein Sternengucker war. Zweites Taschentuch.
Eine kurze Atempause konnte ich nutzen, um ‚Uterusatonie 3 Stunden später‘ einzuwerfen. Er schüttelte seufzend den Kopf und setzte seinen Monolog dann zum Thema Blutungen fort. Er fing an aus dem Nähkästchen zu plaudern und kramte Geschichten hervor, eine schrecklicher als die vorherige. Die letzten dann mit tödlichem Ausgang. Ob mich das aufheitern sollte? Hat nicht funktioniert. Drittes Taschentuch.
In der Folge habe ich dann versucht mit meinen drei Taschentüchern zu haushalten und sie wiederverwendet.
Irgendwann hat er sich die zwei OP Berichte durchgelesen und war belustigt darüber, dass die präoperative Diagnose ‚Missverhältnis Kopf/Becken‘ lautete und die postoperative Diagnose ‚dorsoposteriorer hoher Geradstand‘. Das hätte man doch vorher wissen müssen! Mein Einwand, dass es schon später Freitagnachmittag war und leider gerade ein langes Pfingstwochenende vor der Tür stand sorgte für weiteres Erstaunen. Ob denn kein Ultraschall gemacht worden sei? Nein, ein Ultraschall ist nicht gemacht worden. Wieso? Tja, keine Ahnung. Woher soll ich das wissen? Ich habe sogar nach einem Ultraschall gefragt. Man hat mir geantwortet, da würde man eh nichts sehen. ‚Die können nichtmal mehr einen Ultraschall machen‘, war seine Reaktion.
Dann folgte ein Monolog über die Situation auf geburtshilflichen Stationen. Dass man kaum mehr einen Arzt findet, der deutsch spricht (meine Ärzte waren russischsprachig – manche konnte man verstehen, manche nicht). Dass die Ärzte, die man dann findet nicht nur kein deutsch sprechen, sondern auch meist über keinerlei praktische Erfahrung verfügen sondern die Frau nur aus der Theorie kennen. Dass man bei Komplikationen auf sein Glück angewiesen ist. Glück, an jemanden zu geraten, der (theoretisch) weiß, was zu tun ist und der die Courage hat, es auch zu tun.
Zwischendurch durfte ich auch mal was sagen. Dass ein Honorararzt gerufen werden musste, weil sonst niemand da war, der die (erste) OP hätte machen können. Dass ich zwei PDAs intus hatte, die ich beide nicht gewollt hatte, die dafür aber beide nicht wirkten. Dass während der OP geflucht wurde, dass ich später im OP Bericht gelesen habe, dass der Uterus aus der Bauchhöhle genommen werden musste, um eine widerspenstige Blutung stillen zu können. Dass während der OP Blut im Katheterurin war, hat er im Bericht gelesen. ‚Infusionen zum Durchspülen – hab ich ja noch nie gehört!‘. Und dass ein Halteband des Uterus dann über der Blutungsstelle vernäht wurde, um zu ’stabilisieren‘ sorgte für verwundertes Auflachen. Bei der späteren Untersuchung hat er dann nochmal darauf geachtet und meinte, ob ich das denn nicht spüren würde? Die Gebärmutter stände schief. Nö. Ich spüre (davon) nichts.
Ich kann mich an jede Kleinigkeit erinnern und sobald ich mich darauf einlasse, ist der Film nicht mehr zu stoppen. Ich erlebe alles wieder und wieder.
Was war das Schlimmste? Die Psychiaterin hat mich einmal gefragt, was das Schlimmste war. Ich konnte nicht sagen, was das Schlimmste war. Sie hat die Frage dann schnell zurückgenommen, weil ich darüber einen neuen Zusammenbruch hatte. Es war eine Aneinanderreihung von Schlimmstem. Die 40 Stunden regelmäßiger Kontraktionen waren nicht schlimm. Dass ich eine PDA bekam, die ich nicht wirklich wollte, fand ich schlimm. Man sagte, dass müsse sein. Musste es aber nicht. Davon bin ich überzeugt. Dass der Anästhesist in Eile war, fand ich schlimm. Dass er mich angiftete, in einer Situation, in der ich nicht darauf reagieren konnte. ‚Hat DIE auch nochmal eine Wehenpause oder geht das jetzt immer so weiter?!‘ Ich konnte doch nichts dafür, dass er überlastet war. Dass die PDA nicht wirkte, finde ich im Rückblick schlimm, denn so bekam ich noch eine zweite. Dass der nächste Anästhesist – der Chef der Anästhesie – erstmal wissen wollte, wer das verbockt habe, fand ich schlimm. Dass ich keinen Ultraschall bekam, finde ich im Nachhinein schlimm. Dann hätte man den hohen Geradstand vorher sehen können. Mir wären die zwei Rückenspritzen erspart geblieben. Man hätte direkt eine Kaiserschnitt machen können.
Dass ein Kaiserschnitt gemacht werden musste, fand ich schlimm. Ich wollte doch nur mein Kind bekommen. Ich wollte nicht operiert werden. Dass das OP Team offensichtlich nie vorher zusammengearbeitet hatte, fand ich schlimm.
Dass während der OP geflucht wurde. Dass, als die Betäubung nachließ, die Schmerzen einsetzten. Die Schmerzen. Diese Schmerzen. Ein Wehentropf nach dem anderen. Dabei hatte ich doch schon Nachwehen. Und statt Schmerzmittel nur weitere Wehenmittel. ‚Bis zum Rippenbogen steht hier‘, sagte er erstaunt, den zweiten OP Bericht in der Hand ’stimmt das?‘ Ja, stimmt. Ich habe drei Stunden lang geblutet. Die russische Assistenzärztin sprach während der Zeit keinen Ton mit mir. Sah immer nur überfordert nach meine Blutung. Wie aus einem aufgedrehten Wasserhahn floss das warme Blut im Rythmus meines Herzschlags aus mir heraus. Natürlich füllte es erstmal den Uterus. Bis zum Rippenbogen hoch. Steinhart. Diese Schmerzen. Erst als eine Hebamme mitten in der Nacht in mein Zimmer kam, ‚Hier wird so laut geschrien, da wollte ich mal nachsehen.‘ wurde der Honorararzt gerufen.
So war das. Genau wie man sich das vorstellt. Bonding. Baby A habe ich an diesem Tag nicht mehr gesehen. Dafür am nächsten Tag die Intensivstation. Ich bin davon überzeugt, dass ich zu wenig Schmerzmittel bekommen habe. Diese Schmerzen. Auch später noch. Schmerzen. Schmerzen.
Und dass später noch zwei Tupfer in mir wiedergefunden wurden, die offenbar bei der zweiten OP vergessen wurden, fand ich schon gar nicht mehr schlimm.
Das Schlimmste war wohl die Hilflosigkeit. Die Demütigung. Die Ohnmacht. Und die Schlaflosigkeit in den nachfolgenden 9 Tagen.
1 Stunde hat der neue Arzt mit mir gesprochen. Bei einem ganz normalen Vorsorgetermin. Das bekommt er nicht von der Krankenkasse bezahlt. Ich bin es leid, dass ich auf solche Wohltätigkeiten angewiesen bin.
Ich habe darüber nachgedacht. Vielleicht ist ein Ultraschall unter der Geburt auch keine Kassenleistung. Vielleicht bekommt das Krankenhaus diesen nicht bezahlt. Und deshalb wurde er nicht gemacht. Wenn nach 2h im Kreißsaal und offensichtlichem Geburtsstilsstand ein Ultraschall gemacht worden wäre und ein hoher Geradstand festgestellt worden wäre, hätte man sich weitere 4h Wehen und 2 PDAs gespart. Möglicherweise wäre dann auch die Atonie ausgeblieben.
Ich brauche nur noch 4 Tage, um nach so einem Flashback – wie es der Frauenarzttermin war – wieder in den vorherigen Zustand zu kommen. Leidlich stabil. Das ist ein Fortschritt.
*Posttitel aus dem Song ‚SOS‘ von Mia
Oh man, dass tut mir so leid fuer Dich. Schoen das Du jetzt wenigstens einen kompetenten menschlichen Arzt gefunden hast!